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Aus dem Behandlungsschwerpunkt Neuromuskuläre Erkrankungen

der Neurologischen Abteilung der Klinik Hoher Meissner

 

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Sport bei neuromuskulären Erkrankungen

Einleitung 

Kann ein Patient mit einer neuromuskulären Erkrankung, also einer Erkrankung von Nervenfasern oder Muskelgewebe überhaupt Sport durchführen? In welchem Ausmaß kann er Sport betreiben? Kann Sport die Gesundheit des Patienten günstig beeinflussen oder ist eine Verschlechterung seines Gesundheitszustandes dadurch zu befürchten? Was ist zu beachten? Diese Fragen können nur individuell beantwortet werden. Diese Seite soll aber einige Hinweise zu diesen Fragen geben. 

Darf ein Patient mit einer neuromuskulären Erkrankung Sport betreiben? Gibt es Studien zur Trainierbarkeit bei Patienten mit neuromuskulären Erkrankungen? 

Die Betroffenen sind oft sehr verunsichert. Die Einschätzungen reichen von „bloß die Muskulatur nicht belasten“ bis hin zu „nur intensives Krafttraining hilft viel“. In Hinsicht auf die Frage, ob Sport bei Patienten mit neuromuskulären Erkrankungen möglich sei, wurde in mehreren Studien hauptsächlich untersucht, ob ein standardisiertes Krafttraining die Kraft und/oder die Funktionen verbessern kann oder sogar schädlich ist. So untersuchten Eline Lindemann und Mitarbeiter aus Maastricht im Jahre 1995 28 Patienten mit myotoner Dystrophie und 26 Patienten mit neuraler Muskelatrophie (HMSN). Über 24 Wochen erhielt jeweils die eine Hälfte der Patienten ein Training, welches an drei Tagen in der Woche durchgeführt wurde, die andere Hälfte diente als Vergleichsgruppe. Es wurde mit Gewichten zum Training der Hüftbeuger und Kniestrecker trainiert. Die Gewichte wurden dabei so gewählt, dass sie 60% des maximal zu bewegenden Gewichts entsprachen. Damit wurden drei Serien von 25 Wiederholungen durchgeführt mit jeweils einer Pause von einer Minute zwischen den Serien. Das Gewicht wurde nach acht Wochen auf 70% (15 Wiederholungen), nach 16 Wochen auf 80% der maximalen Kraft (zehn Wiederholungen) erhöht.

Während bei den Patienten mit myotoner Dystrophie nur geringe Trainingseffekte nachweisbar waren, nahmen bei der HMSN-Gruppe Kraft und Funktionen zu. Zeichen einer Überlastung waren bei beiden Gruppen nicht festzustellen. 

Susan G. Aitkens und Mitarbeiter aus der Arbeitsgruppe von David D. Kilmer in Kalifornien hatten im Jahre 1993 eine Gruppe von insgesamt 27 Patienten mit verschiedenen neuromuskulären Erkrankungen untersucht, darunter Patienten mit myotoner Dystrophie, Muskeldystrophien, HMSN und spinalen Muskelatrophien. Hier wurde jeweils nur auf einer Körperhälfte mit zunächst 30% der maximalen isometrischen Kraft der Kniestrecker bzw. 10% der Maximalkraft der Armbeuger über 12 Wochen an drei Tagen pro Woche trainiert. Dabei wurden drei Serien von vier Wiederholungen am Arm und acht Wiederholungen am Bein durchgeführt, zwischen den Serien jeweils mit einer Minute Pause. Am Ende der Studie zeigten alle Gruppen in den meisten Kraftmessungen Verbesserungen. 

In einer weiteren Untersuchung dieser Arbeitsgruppe (David D. Kilmer und Mitarbeiter, 1994) wurden fünf Patienten mit einer myotonen Dystrophie, drei mit einer Gliedergürteldystrophie und zwei mit HMSN einbezogen. Es wurden die gleichen Muskelgruppen trainiert wie in der vorgenannten Studie, aber diesmal mit dem Gewicht, das maximal 12mal hintereinander gehoben werden konnte. Davon wurden in der ersten Woche an drei Tagen zehn Wiederholungen durchgeführt, gesteigert im Verlauf auf bis zu fünf Serien von zehn Bewegungswiederholungen an vier Tagen in der Woche und nach fünf Wochen auch noch mit Steigerung des Gewichts um etwa 450 g pro Woche. Hierunter war bei gesunden Kontrollpersonen eine Zunahme der Kraft zu sehen gewesen. Auch bei den Probanden mit den neuromuskulären Erkrankungen war eine Zunahme der Kraft der Kniestrecker nachzuweisen. Dagegen wurde eine Abnahme der Kraft in den  Ellenbogenbeugern festgestellt. Es kann also durch ein Zuviel an Training eine Abnahme der Kraft erreicht werden. 

Desgleichen zeigten J. Kelm und Mitarbeiter (2001), Universitätsklinik Homburg/Saar, dass durch ein kontrolliertes dynamisches Krafttraining bei einer Gruppe von zehn Patienten, die eine Gliedergürteldystrophie, eine myotone Dystrophie, eine adulte Form einer spinalen Muskelatrophie oder eine HMSN aufwiesen, eine Steigerung der muskulären Kraftentfaltung erreicht werden konnte.

Robert Chetlin und Mitarbeiter zeigten in einer 2004 veröffentlichten Studie, dass ein über 12 Wochen durchgeführtes Widerstandstraining der Oberarm- und Oberschenkelmuskulatur eine Verbesserung von Kraft und Funktionen erreichen ließ. 

Heutigen Standards entsprechende Studien (randomisiert, kontrolliert), die die Effekte von Krafttraining zweifelsfrei belegen, existieren nicht. Oft ist – wie auch bei den oben wiedergegebenen Studien – die Zahl der untersuchten Patienten klein, es werden Patienten mit verschiedenen Krankheiten zusammengefasst, und es werden jeweils unterschiedliche Behandlungsregime untersucht. Auch umfasst der Beobachtungszeitraum in der Regel nur sechs bis maximal 24 Wochen. Die oben aufgeführten und eine Reihe weiterer Studien legen aber dennoch nahe, dass durch ein angepasstes Training bei vielen neuromuskulären Erkrankungen eine Verbesserung der Kraft erreicht werden kann. Andererseits weisen sie darauf hin, dass ein Training auch eine Überbelastung mit Abnahme der Kraft zur Folge haben kann.

Aerobe Trainingsprogramme wurden bei Neuromuskulären Erkrankungen untersucht hinsichtlich des Benefits für Muskelkraft, Ausdauer und Auswirkungen auf die Bewältigung der Aktivitäten des täglichen Lebens. Insbesondere wurde das Training auf dem Fahrrad-Ergometer oder dem Laufband untersucht. Dabei wurden Verbesserungen in den verschiedenen Zielparametern nachgewiesen, negative Effekte kamen dagegen nicht zur Darstellung. Phillips und Mastaglia, 2000, nehmen in ihrer Übersichtsarbeit an, dass die Wahrscheinlichkeit, eine Schädigung der Muskulatur zu bewirken, bei aeroben Trainingsprogrammen verglichen mit einigen Formen des Krafttrainings geringer ist, da das Benutzen eines Ergometers oder das Gehen vorwiegend konzentrische Bewegungen und nur minimale exzentrische Muskelkontraktionen erfordern. 

Nancy C. Wright und Mitarbeiter aus der oben bereits zitierten Arbeitsgruppe von David D. Kilmer haben fünf Patienten mit einer myotonen Dystrophie, zwei mit HMSN und einem mit einem Gliedergürtelsyndrom über 12 Wochen ein Gangtraining durchführen lassen. Begonnen wurde mit 15 Minuten an drei Tagen in der Woche. Dabei wurde die Belastung mit 50 bis 60% der sogenannten Herzfrequenzreserve gesteuert. Durch das moderate Training wurden verschiedene Herz-Kreislaufparameter im Verlauf verbessert. T. Taivassalo und Mitarbeiter aus Montreal veröffentlichten im Jahre 1999 eine Untersuchung, in der sie zehn Patienten mit Myopathien einem Laufbandtraining unterzogen. Das Training wurde acht Wochen drei bis viermal die Woche durchgeführt, 20 bis 30 Minuten pro Einheit. Die Intensität wurde mit Ausnutzung von 60 bis 80% der Herzfrequenzreserve gesteuert. Die aerobe Leistungsfähigkeit und verschiedene Herz-Kreislauf-Parameter der Probanden besserten sich. 

Was sollte ein Patient mit einer neuromuskulären Erkrankung beachten?

Da Patienten mit neuromuskulären Erkrankungen in der Regel weniger körperlich aktiv sein können, mehr sitzen, sich weniger bewegen, werden auch besser erhaltene Muskelgruppen weniger belastet. Es kommt zu einer ausgeprägteren Abnahme der Kondition, als dies oft notwendig wäre. Deshalb kann ein angepasstes Übungsprogramm, ein Ausdauer- oder ein Kreislauftraining durchaus sinnvoll sein. Dies kann auf die Erhaltung der verbliebenen Muskulatur oder die allgemeine Belastbarkeit abzielen. Ein Auftrainieren der Muskulatur ist in der Regel aber nicht möglich, der Versuch beinhaltet die Gefahr einer übermäßigen Belastung der betroffenen Strukturen mit resultierender Zunahme der Schwäche. Das Ausmaß des Trainings sollte dabei nach der Krankheitsdynamik differenziert werden. Die Notwendigkeit regelmäßiger Pausen im Training sollte beachtet werden. 

Ein Patient mit einer neuromuskulären Erkrankung sollte, wenn er Sport durchführen möchte, dies grundsätzlich mit einem in der Behandlung von Muskelerkrankungen erfahrenen Arzt absprechen.

Zudem sind Sport und Physiotherapie zu unterscheiden, in der ambulanten physiotherapeutischen Behandlung der Patienten steht das Krafttraining nicht im Vordergrund, hier stehen Erhalt von Kraft und Funktionen sowie auch Verbesserungen von Funktionen im Vordergrund. Auch in der stationären Rehabilitation ist in der Regel nicht die Verbesserung der Kraft das Ziel, sondern der Ausdauer und alltagsbezogenen Funktionen. Grundsätzlich gilt, dass ein Training um so moderater durchgeführt werden sollte, je rascher fortschreitend die Erkrankung ist. 

Bewegung bei amyotropher Lateralsklerose (ALS)

Bei der amyotrophen Lateralsklerose (ALS) führte der im letzten Absatz genannte Grundsatz zu der Frage, ob der Patient überhaupt ein angepasstes Übungsprogramm oder nur die Bewegungen, die zur Bewältigung der Selbstversorgung notwendig sind, durchführen sollte.  

Liebetanz und Mitarbeiter aus Göttingen gingen die Fragestellung im Jahre 2004 im Mausmodell an. Sie untersuchten Mäuse, die durch Genveränderungen im Verlauf eine ALS entwickeln. Sie stellten fest, dass intensives Training der Tiere das Auftreten der ALS nicht beschleunigt. Auch auf die Überlebensdauer nach Auftreten der Erkrankung hatte das Training keinen sicheren Einfluss. 

Vivian E. Drory und Mitarbeiter haben im Jahre 2001 über eine Untersuchung an 25 ALS-Patienten berichtet. 14 Patienten führten ein angepasstes tägliches Übungsprogramm durch, 11 Patienten nur die im Alltag notwendigen Bewegungen. Nach drei Monaten zeigte die Therapiegruppe in der ALS Functional Rating Scale (ALSFRS) und Ashworth-Skala eine signifikant geringere Verschlechterung. 

Bello-Haas und Koautoren kamen in einer im Jahre 2007 veröffentlichten ähnlichen Studie, hier wurden dosierte Widerstandsübungen durchgeführt, zu einem vergleichbaren Ergebnis. Dosierte Bewegung ist also auch bei Patienten mit ALS als sinnvoll einzuschätzen. Ein Training im Sinne von „Auftrainieren“ der Muskulatur sollte dagegen keinesfalls erfolgen, ein Auftrainieren der Muskulatur ist nicht möglich, hierdurch wäre sogar eine Verschlechterung von Funktionen zu befürchten. Das Ausmaß körperlicher Bewegung sollte insbesondere bei der ALS mit dem behandelnden Neurologen abgesprochen werden. Generell steht bei Patienten mit einer amyotrophen Lateralsklerose eine multidisziplinäre Behandlung im Vordergrund, je nach Symptomatik Physiotherapie, Ergotherapie und/oder Logopädie umfassend. Ein erschöpfendes muskuläres Training ist zu vermeiden. Die Optimierung verbliebener Funktionen, Erhalten funktioneller Mobilität, Optimierung der Lebensqualität fasst Bello-Haas in einer Übersicht im Jahre 2008 als Behandlungsziele zusammen.

Wie vorgehen bei dem Post-Polio-Syndrom?

Besondere Zurückhaltung wird auch immer wieder beim Training bzw. der Übungsbehandlung beim Post-Polio-Syndrom (PPS) empfohlen. R.L. Bennett und G.C. Knowlton hatten bereits im Jahre 1958 auf die Gefahr der Überbelastung hingewiesen. Auch wenn die Gefährdung durch Überlastung unumstritten ist, hat sich in den letzten Jahren aber doch ein (dosiertes) aktives Vorgehen durchgesetzt. J.L. Kriz und Mitarbeiter (1992) zeigten auf, dass ein angepasstes Training am Armergometer, drei mal pro Woche über 16 Wochen durchgeführt, geeignet ist, auch bei dieser Patientengruppe eine Verbesserung von Herz-Kreislauf-Parametern zu erreichen. Sidney A. Spector und Mitarbeiter (1996) zeigten, dass durch ein progressives dynamisches Krafttraining bei sechs Patienten mit Postpolio-Syndrom nach zehn Wochen eine Zunahme der dynamischen Kraft der trainierten Knie- und Armstrecker-Muskulatur erreicht und auch noch fünf Monate später nachweisbar ist. In dem von ihnen durchgeführten Übungsprogramm war eine Verschlechterung von Kraft oder Funktionen als Folge einer Überlastung nicht aufgetreten. Frans Nollet empfiehlt in einer Übersicht aus dem Jahre 2004 durchaus ein Training zur Optimierung der Belastbarkeit von Herz und Kreislauf und Verbesserung des Wohlbefindens, zur Verbesserung der Kraft geringer betroffener Muskelgruppen und zur Besserung von Funktionen. Den Einsatz von Orthesen und anderen Hilfsmitteln empfiehlt er zur Erleichterung von Funktionen. Wesentliches Ziel ist auch die Veränderung des Lebensstils, das Anerkennen der eingeschränkten Ressourcen und damit auch das Vermeiden von Überbelastungen. Weiter werden ausreichend Pausen zwischen den Übungen, Pausentage zwischen drei Trainingseinheiten pro Woche, ein aerobes Training, Vermeidung von Muskelkater oder anhaltender Erschöpfung empfohlen. So sollte der Beginn des Trainings mit 20% der maximalen Übungskapazität durchgeführt werden. 

Zu den spinalen Muskelatrophien

Bei den spinalen Muskelatrophien (SMA) handelt es sich um eine rein motorische Störung mit Schwächen meist mit Schwerpunkt im Bereich der rumpfnahen Muskulatur verbunden mit Muskelatrophien. Ausmaß und Fortschreiten der Erkrankung sind sehr unterschiedlich. Zu berücksichtigen sind insbesondere die allgemein verminderte Belastbarkeit, eventuell vorliegende Kontrakturen, also Einschränkungen der Gelenkbeweglichkeit, oder eingeschränkte Leistungsfähigkeit der Lunge. Wegen verminderter muskulärer Stabilisierung sollten Sportarten vermieden werden, die Gelenke und Wirbelsäule besonders belasten. Auch sollten Sturz- und Verletzungsgefahr berücksichtigt werden.  

Zu den hereditären sensomotorischen Neuropathien

Bei den neuralen Muskelatrophie (Charcot, Marie, Tooth), heute in der Regel als hereditäre sensomotorische Neuropathien (HMSN) bezeichnet, liegen in der Regel vor allem Schwächen und Atrophien der rumpffernen Muskulatur vor. Besonders die Fußhebung und die Fußmuskulatur sind meist betroffen. Gerade bei dieser Krankheitsgruppe ist das Ausmaß der Beeinträchtigungen besonders unterschiedlich. Die Störungen können von leichten Fußdeformitäten bis hin zur Abhängigkeit vom Rollstuhl bereits im jugendlichen Alter reichen. In der Regel handelt es sich jedoch um eine günstig verlaufende Erkrankung. Das unterschiedliche Ausmaß der Beeinträchtigung ist bei individuellen Empfehlungen für Sport zu beachten. Besonders ist die eingeschränkte Stabilität der Sprunggelenke und die damit verbundene Sturz und Verletzungsgefahr zu beachten. Beteiligungen der Herzfunktion kommen nicht vor, Störungen der Lungenfunktion nur sehr selten. 

Muskeldystrophien und myotone Dystrophien

Diese Erkrankungen stellen eine sehr heterogene Gruppe von verschiedenen Erkrankungen dar. Sie sind gekennzeichnet durch verminderte Ausdauer und Schwächen der Muskulatur. Oft treten zudem Einsteifungen der Gelenke, sogenannte Kontrakturen auf. Bei einigen dieser Erkrankungen können auch Lungen- und/oder Herzfunktion beeinträchtigt sein, was bei der Empfehlung der Trainingsbelastung mit zu beachten ist. Deshalb ist bei den entsprechenden Erkrankungen, beispielsweise bei der Muskeldystrophie vom Typ Becker-Kiener oder den myotonen Dystrophien, eine internistische Untersuchung zur Beurteilung der Herz- und Lungenfunktion zu empfehlen. 

Auch bei dieser Erkrankungsgruppe ist darauf zu achten, dass Sportarten vermieden werden, die Gelenke und Wirbelsäule besonders belasten. Ebenso sollten Überlastungen vermieden werden, da dies zu einer Verschlechterung der muskulären Funktionen führen kann. Zugleich ist die Sturz- und Verletzungsgefahr zu beachten. Kommt es beispielsweise zu einem Knochenbruch, kann die resultierende Immobilisierung zu einer allgemeinen Verminderung von Belastbarkeit und Funktionen führen, die oft allenfalls mit viel Mühe wieder rückgängig gemacht werden kann. Gerade bei primären Muskelerkrankungen ist auch die Form des Trainings zu beachten. Während früher das isometrische Training dogmatisch als einzig richtige Belastungsform angesehen wurde, hat sich heute eher das dynamische Training durchgesetzt. Vermieden werden sollten aber möglichst exzentrische Bewegungselemente. Hierbei werden vorwiegend Bewegungen abgebremst. Das Absetzen eines Gewichtes oder Bergablaufen sind Beispiele für diese Belastungsform. Exzentrische Bewegungen führen leichter als andere Bewegungsformen zu Muskelkater und damit Schädigung der Muskulatur. Dystrophin ist für die Stabilität der sarkolemmalen Membran der Muskelfasern von besonderer Bedeutung. Deshalb ist bei den Muskeldystrophien vom Typ Duchenne wie auch vom Typ Becker-Kiener, bei denen das Dystrophin fehlt, vermindert oder in seiner Funktion gestört ist, dieser Aspekt besonders zu beachten.  

Phillips und Mastaglia, Australien, empfahlen in einer Übersichtsarbeit aus dem Jahre 2000, bei Muskeldystrophien ein (Kraft-) Training mit zunächst 30 bis 40 % der Maximalkraft und zehn Wiederholungen zu beginnen. Sie empfehlen weiter eine langsame Steigerung bis auf max. 60 bis 70% der Maximalkraft nach frühestens sechs Wochen.  

Zur Einschlusskörpermyositis

Sidney A. Spector und Mitarbeiter zeigten im Jahre 1997, dass durch ein dosiertes Krafttraining auch bei Patienten mit einer Einschlusskörpermyositis eine Verbesserung der Kraft zu erreichen ist. Dabei profitierten geringer beeinträchtigte Muskelgruppen deutlich mehr als schwerer beeinträchtigte. Hinweise auf negative Effekte in Hinsicht auf entzündliche Parameter, CK oder Veränderungen in Muskelbiopsien ergaben sich nicht. 

Auf die Besonderheiten der metabolischen Myopathien und der Dermato- und Polymyositis soll an dieser Stelle nicht genauer eingegangen werden. Ist ein stabiler Zustand bei der Dermatomyositis oder der Polymyositis erreicht, ist in der Regel ein körperliches Training wieder möglich. Das Ausmaß sollte mit dem behandelnden Arzt besprochen werden.  

Die Borg-Skala

Eine Hilfe zur Bewertung der Intensität des Trainings und zur Vermeidung einer Überbelastung kann die Borg-Skala bieten. Die vom Schweden Gunnar Borg erstellte und nach ihm benannte Skala des Anstrengungsempfindens bietet eine gute Grundlage zur Einschätzung der individuellen Belastung. Das Empfinden der Anstrengung korreliert tatsächlich gut mit der Intensität der Beanspruchung. Die Borgskala umfasst den gesamten Bereich von einer minimalen bis hin zu einer individuellen maximalen Leistung. Während bei einem Gesunden zum Training der Muskelkraft der Beginn des Trainings mit einem Wert der Borg-Skala von 12 bis 13 und das Ende des intensiven Trainings mit Werten von 15 bis 17 empfohlen wird, werden beim Patienten mit einer neuromuskulären Erkrankung die Werte niedriger angesetzt. Bei rascher fortschreitenden Erkrankungen werden Belastungen bis zu 11 bis 12 auf der Borg-Skala empfohlen, bei langsam fortschreitenden Erkrankungen und insbesondere stabilere Muskelgruppen betreffend können auch im Verlauf des Trainings deutlich höhere Werte angesetzt werden.

Borg-Skala des Anstrengungsempfindens

6  
7 Sehr. sehr leicht
8  
9 Sehr leicht
10  
11 Recht leicht
12  
13 Etwas anstrengender
14  
15 Anstrengend
16  
17 Sehr anstrengend
18  
19 Sehr, sehr anstrengend
20  

Die Verbesserung der Kraft und Ausdauer bei Patienten mit  neuromuskulären Erkrankungen hat wenig Bedeutung, wenn nicht auch eine Verbesserung der Aktivitäten im Alltag dadurch erreicht wird. Deshalb wird in Rehabilitationskliniken auch nicht die Verbesserung der Kraft im Vordergrund stehen, sondern der Blick auf die Erleichterung der Alltagsbewältigung. Verbesserung der Gangsicherheit, der Ausdauer oder der Transfervorgänge aus dem Rollstuhl auf den Stuhl, das Bett oder die Toilette sind Beispiele für relevante Therapieziele. Ein reines Krafttraining wird dem Erreichen dieser Ziele nicht allein gerecht werden können. 

Welche Sport art ist besonders sinnvoll?

Je nach Erkrankung und Symptomatik eignen sich Schwimmen und Bewegen im (warmen) Wasser, Gymnastik, Bewegungen auf dem Laufband, auf dem Fahrrad-Ergometer oder auch bei ausreichender Sicherheit auf dem Fahrrad, Nordic Walking, evtl. auch ein Training an Geräten unter enger kompetenter Aufsicht. Gegebenenfalls können auch Laufband und das Ergometer eingesetzt werden. Ziele sollten auch hier das Erhalten oder die Verbesserung von Ausdauer und Funktion, nicht der Aufbau von Kraft sein. Zwei bis dreimal pro Woche stellt eine sinnvolle Frequenz dar. Weniger geeignet erscheinen Mannschafts- Sportarten, die einen körperlichen Einsatz erfordern und mit einem erhöhten Verletzungsrisiko verbunden sind. Andererseits ist Taiji für Patienten mit neuromuskulären Erkrankungen wegen der statischen Anteile der Übungen oft (zu) anstrengend.  

Zusammenfassung

Die neuromuskulären Erkrankungen sind eine sehr heterogene Gruppe von Erkrankungen, die sich in Verlauf, Ausmaß und Verteilung der muskulären Schwächen sehr unterscheiden. Empfehlungen zum Sport oder zur Art und Ausmaß der körperlichen Belastung überhaupt müssen deshalb individuell erfolgen. Eine angepasste Belastung durch Sport kann günstig sein, die muskulären Funktionen zu erhalten und die Belastbarkeit des Herz-Kreislaufsystems zu verbessern. Ein übermäßiges Training mit zu starken Gewichten beim Krafttraining oder ein exzentrisches Bewegungstraining können sogar eine Verschlechterung von Funktionen nach sich ziehen. Generell wird empfohlen, Muskelkater und anhaltende Erschöpfung zu vermeiden. Vermehrte Muskelkrämpfe und Muskelschmerzen nach dem Training sind ebenfalls ein Hinweis auf eine Überlastung. Die Untersuchung und die Beratungen vor Aufnahme eines Sports oder speziellen Trainings und im Verlauf sollte durch einen im Bereich der neuromuskulären Erkrankungen erfahrenen Arzt erfolgen.  

Für eine vernünftige Empfehlung müssen Erkrankung, individuelle Symptomatik und Verlauf bekannt sein. Wie schwer sind die Lähmungen, wie sind sie verteilt, wie rasch ist das Fortschreiten der Erkrankung, wie ist die allgemeine Belastbarkeit? Die Antworten auf diese Fragen sind eine notwendig Basis für  Empfehlungen. Ebenso muss beachtet werden, ob und ggfs. in welchem Ausmaß auch Störungen anderer Organsysteme vorliegen, insbesondere von Lunge und Herz. Es ist zu beachten, ob Gelenke und Wirbelsäule durch die muskulären Schwächen durch beabsichtigte sportliche Belastungen besonders gefährdet sind, ebenso ist abzuschätzen, ob durch die gewählte Sport- oder Trainingsart eine erhöhte Sturz- und Unfallgefährdung bedingt ist. Eine beispielsweise nach einem Knochenbruch bedingte Immobilisierung kann möglicherweise eine nicht mehr aufzuholende Abnahme von allgemeiner Kraft und Belastbarkeit zur Folge haben. Sport sollte aber auch als Quelle für Freude und Motivation dienen und nicht nur neben Arbeit, Therapien und Alltagsbewältigung ein weiteres „Muss“ darstellen. Individuell können besonders Bewegung im Wasser, ein aerobes Ausdauertraining, Fahrradergometer, Nordic Walking oder Laufband empfohlen werden.

Informieren Sie sich auch zu dem Thema Hilfsmittel für Patienten mit neuromuskulären Erkrankungen

Mit den besten Wünschen, insbesondere für Ihre Gesundheit

Dr. med. Carsten Schröter

Chefarzt der Neurologischen Abteilung der Klinik Hoher Meissner
Arzt für Neurologie
Physikalische Medizin, Rehabilitationswesen
Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Muskelkranke

Für Fragen zur Rehabilitation neuromuskulärer Erkrankungen stehen wir Ihnen gerne per Email: Neurologie zur Verfügung.

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